Nicht mein Europa

30.Januar 2019

Ein Mittwochnachmittag wie viele andere in der Langen Straße, der Einkaufsmeile von Greifswald. Doch dann weckt ein oranges Leuchten im Augenwinkel die dahinschlendernden Passant*Innen aus ihrem verträumten Bummelmodus. Der verdutzte Blick wandert über die Statuen am Fischmarkt und verfängt sich an der „wartenden Fischersfrau“, an der heute irgendetwas anders ist als sonst. Eine orange Augenbinde verdecktdas Gesicht der Statue und verkündet in großen Lettern, dies sei „NICHT MEIN EUROPA“.

Wie in vielen anderen Städten Europas haben Aktivist*Innen der Bewegung „Seebrücke – schafft sichere Häfen!“ in Greifwald an zahlreichen Denkmälern der Stadt derartige Binden angebracht. Sie wollen damit auf die anhaltend schlechte humanitäre Situation im Mittelmeer aufmerksam machen. Dort ist die zivile Seenotrettung derzeit aufgrund von behördlichen Repressionen abermals zum Erliegen gekommen. „Dies geht einher mit einem noch nie dagewesenen Anstieg der registrierten Zahlen an Menschen, die beim Fluchtversuch über das Mittelmeer umkommen“ konstatiert Stella Maris-Fischer, Sprecherin der Initiative in Mecklenburg-Vorpommern. „Das ist einfach unerträglich und so gar nicht mit den hochgelobten humanistischen Idealen, mit denen die Europäer sich so gerne selbst dekorieren, vereinbar!“. Die Seebrücke-Aktivist*Innen
versuchen daher, die Menschen hierzulande mit vielfältigen Aktionen für die verzweifelte Lage der Flüchtenden zu sensibilisieren. Denn nur die Menschen in Europa können dafür sorgen, dass die Tragödie im Mittelmeer
endlich endet. Durch eine zuverlässige Struktur in der Seenotrettung, einem würdigen Umgang mit den Menschen auf der Flucht und einer aktiven Bekämpfung der eigentlichen Fluchtursachen in den Herkunftsländern. Die Menschen haben dort oftmals nichts mehr zu verlieren. Sie sind die Verlierer*Innen des globalen Finanzgeschacheres, das im Wesentlichen von den westlichen Industrienationen dominiert wird. Ihrer existentiellen Grundlagen beraubt sowie bedroht von Krieg, Verfolgung und Terror, sehen diese Menschen in der lebensgefährlichen Flucht in das vermeintlich sichere Europa den einzigen Ausweg aus ihrer Misere. „Es braucht schon eine gewaltige Portion an kaltblütigen Zynismus“ erklärt Maris-Fischer im Hinblick auf die europäischen Behörden und politischen Parteien weiter „um die Rettung dieser Menschen zu kriminalisieren und damit deren Tod nicht nur billigend in Kauf zu nehmen sondern auch noch aktiv zu befördern.“

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