Erlebnisbericht zur Lage auf der griechischen Insel Samos

Uns wurde ein Erlebnisbericht zur Freiwilligenarbeit in Camps auf der griechischen Insel Samos zugesendet, den wir hier dokumentieren wollen.

Liebe Menschen
ich wende mich an euch, um euch einen Eindruck von meiner Arbeit hier auf Samos zu geben und ausserdem moechte ich euch um Unterstuetzung bitten.
Ich bin nun schon 12 Wochen hier und arbeite fuer die NGO Samos Volunteers, die versuchen die Geflüchteten auf Samos zu supporten. Samos ist eine kleine griechische Insel, ca 4 Kilometer vom tuerkischen Festland entfernt. Dementsprechen kommen hier viele Menschen mit dem Boot an. In Vathi, der Hauptstadt von Samos hat sich ein Containercamp gebildet, welches für 700 Menschen vorgesehen ist. Mittlerweile leben hier jedoch 4700 Personen und es werden täglich mehr. Die Stadt hat nur 6000 griechische Einwohnerinnen, deswegen kommt es leider immer wieder zu Auseinanderseztungen zwischen den Leuten im Camp und den Einheimischen. Die Container reichen natürlich nicht für alle, deswegen lebt mittlerweile der größte Teil in Zelten außerhalb des 3 Meter hohen stacheldrahtumzäunten Camps. Die Leute müssen hier solange bleiben, bis sie ihr Interview hatten und über ihren Aufenthalt oder Transfer entschieden wurde. Am Morgen werden wir immer informiert wie viele Geflüchtete neu angekommen sind und wie viele die Insel mit einem Schiff verlassen durften. Meistens kommen in einer Nacht zwischen 50-120 Menschen an und ungefähr zweimal in der Woche gibt es einen Transfer von ca 70 Personen aufs Festland. Die Rechnung haut also nicht hin und es werden hier einfach immer mehr Menschen. Die Volunteers, die hier schon länger arbeiten, sagen, dass es noch nie so viele Menschen im Camp gab. Wahrscheinlich leben hier sogar mehr Menschen als auf Lesbos, nur schafft es die Campleitung hier die Medien fernzuhalten, sodass davon kaum berichtet werden kann. Die Meisten kommen aus dem Irak (23%), Afghanistan (20%), Syrien (10%) und dem Kongo (13%). Davon sind hier 22% Frauen und 29% Kinder, von denen 7 von 10 unter 12 Jahren alt sind. Von den Kindern sind ungefähr 18% alleine hier, ohne Familienangehörigen.

Samos Volunteers unterteilt sich in 4 Teams, in denen insgesamt um die 40 bis 50 Personen (18-75 Jahre alt) ehrenamtlich arbeiten. Es gibt auch einige Geflüchtete aus dem Camp, die mit uns als Übersetzerinnen oder in den anderen Bereichen in denen Unterstützung gebraucht wird, arbeiten. Das ist super, weil ich dadurch ein paar von ihnen näher kennenlerne oder sie uns natürlich auch besser zurückmelden können, was wir vielleicht verbessern können. Es gibt die Medizinerinnen, welche sich um die unterversorgten Geflüchteten kümmern, denn im Camp gibt es für die 4700 Menschen nur einen Arzt. In Mazil unterrichten viele von uns einige der Kinder aus dem Camp, denn die wenigsten werden in den griechischen Schulen aufgenommen, was rassistische aber auch strukturelle Hintergründe hat. Zum Beispiel dürfen die Kinder nur in die Schule, wenn sie geimpft sind. Die Impfungen werden jedoch leider nur alle 3 bis 5 Monate vorgenommen. Außerdem brauchen die Kids eine Wohnadresse und die Adresse im Camp wird nicht als dauerhaft akzeptiert, weil die Menschen dort eigentlich nur bis zu 3 Wochen sein sollten. Die meisten Familien, die ich hier kennenlerne, bleiben jedoch zwischen 4 Monaten und 3 Jahren hier ehe es ihnen erlaubt wird aufs griechische Festland zu gehen. In einigen Fällen können sie auch als Familiennachzug nach Monaten oder Jahren nach reisen. In anderen Fällen werden sie nach ihrem Interview, was der entscheidende Moment für die Menschen hier ist, in ihr Heimatland abgeschoben. Ich habe auch schon von Fällen gehört, in denen Familien freiwillig wieder in ihr Heimatland zurǘckgegangen sind, weil sie meinten, dass es dort zwar unsicher ist und sie von Krieg umgeben sind, jedoch hatten sie dort wenigstens ein Haus und etwas zu Essen. Seit dem hier immer mehr Menschen leben, gibt es oft keine Zelte, Schlafsäcke oder genügend Essen für die Menschen im Camp. Das heißt, die meisten Familien stehen bis zu 5 Stunden in einer Schlange für jede Mahlzeit an und dann ist manchmal nichts mehr übrig für die Letzten. Unser drittes Team ist von der law clinic Berlin, das sind angehende oder schon praktizierende Rechtsanwälte, welche versuchen die Geflüchteten auf ihr Interview vorzubereiten. Im vierten Team, dem Alpha Team, arbeite ich. Wir sind das psychosoziale Herz von Alpha. Sechs Tage die Woche können die Menschen aus dem Camp zu uns ins Zentrum kommen, können Tee trinken, sich von den kalten Nächten im Zelt aufwärmen, miteinander ins Gespräch kommen oder Baggammon spielen. Ausserdem können die Menschen verschiedene Kurse besuchen, wie Fitness, Breakdance, Zeichnen, Nähen oder Gitarre spielen. Viele Ehrenamtliche unterrichten auch die Sprachen Englisch, Griechisch, Französisch, Spanisch und Deutsch. Außerdem haben wir Alphabetisierungskurse für alle Interessierten, weil die meisten arabisch/urdu/farsi… Sprechenden nicht das lateinische Alphabet gelernt haben. Zweimal am Tag fahren auch Menschen ins Camp, um mit den Kids zu spielen und ihnen das Alphabet beizubringen. Da es für die Menschen im Camp keine Waschmaschinen gibt, und auch kein warmes Wasser, haben wir von den Ärzten ohne Grenzen 6 Maschinen + Trockner bekommen, welche wir jetzt betreiben. Außerdem betreiben wir eine mobile Bücherei, haben einen Raum nur für Aktivitäten mit den Frauen im Zentrum und es gibt ein Haus voll Spenden (Kleidung, Schlafsäcke, Zelte etc.). Das Problem daran ist, dass es uns seit einigen Monaten gar nicht mehr erlaubt wird direkt ins Camp zu gehen. Die Aktivitäten mit den Kids oder auch die mobile Bücherei bauen wir dann immer vor dem Camp auf. Diese Aktivitäten klappen also noch recht gut. Jedoch dürfen wir nicht mehr ins Camp, um die Spenden zu verteilen. Wir haben also ein Haus voll mit den Dingen, die dringend gebraucht werden und dürfen sie nicht verteilen… Gerade schauen wir noch nach einer Lösung, die Campleitung zu umgehen.

Die ersten Wochen waren sehr anstrengend für mich und ich habe in meinen Pausen viel geschlafen. Ich glaube, dass ich all die Eindrücke erst einmal verarbeiten musste. Mittlerweile bin ich gut angekommen und genieße jeden Tag. Wir arbeiten immer sechs Tage die Woche in Schichten. Am Sonnatag haben wir frei und da merke ich immer wieder wie wichtig wir für die Geflüchteten sind, weil viele von ihnen diesen Tag wirklich schlimm finden. Meistens unterrichte ich 2 Deutschklassen am Morgen, arbeite dann noch einmal ca 5 Stunden in einem der genannten Bereiche (Wäscherei, Rezeption im Alpha Zentrum, Kinder Aktivitäten…) und am Abend gehe ich zum Plenum von Samos Volunteers. Außerdem betreibe ich mit Freude die mobile Bücherei. Das heißt ich fahre mit ein paar Bücherboxen ins Camp und die Menschen können sie sich für 2 Wochen ausleihen, um sich weiterzubilden oder einfach nicht so zu langweilen. Gerne bin ich auch im Alphazentrum, informiere die Leute über die möglichen Aktivitäten im Zentrum oder rede einfach ein paar Minuten mit ihnen. Am Samstag schließen wir immer für alle Männer. Dann ist nur noch für Frauen und Kinder geöffnet und dann ändert sich die Atmosphäre hier total. Die Frauen legen ihre Kopftücher ab, wir tanzen in einigen Räumen zu Musik aus verschiedensten Ländern, wir basteln, nähen oder machen auch mal einen Spa-Tag mit ihnen. Im Allgemeinen gibt es hier im Zentrum viel Gelächter, die Menschen sind unglaublich herzlich und dankbar für unsere Arbeit. Manchmal schenken mir meine Deutschstudenten einen Apfel, weil sie mir unbedingt etwas zurückgeben möchten. Das kann ich kaum annehmen, weil ich ja weiß, dass sie so wenig zu Essen haben. Ich revanchiere mich dann manchmal, indem ich Frühstück für meine Schülerinnen mitbringe. Wenn ich hier bin, vergesse ich manchmal woher die Menschen kommen oder in welchen Umständen sie leben, weil sie so zufrieden wirken. Allein deswegen ist es mir so wichtig immer wieder mit der mobilen Bücherei ins Camp zu fahren, um die Notlage der Menschen wieder vor Augen gefürht zu bekommen. In nun 2 Wochen werde ich Samos verlassen. Das macht mich ziemlich traurig, weil ich diese Arbeit einfach als unglaublich wichtig und auch persönlich als sehr schön und erfüllend empfinde. Mal schauen, vielleicht komme ich wieder.

Ich weiss, dass viele von euch gerne manche Projekte unterstützen möchten aber dann die Sorge entsteht, dass das Geld gar nicht bei den Hilfsbedürftigen ankommt. Deswegen sind, glaube ich, persönliche Kontakte sehr hilfreich. Ich kann euch nur berichten, dass ich weiß, dass jegliche Spende hier bei Samos Volunteers den Geflüchteten zugute kommt. Alle Menschen, die hier arbeiten, sind vollständig ehrenamtlich und bezahlen auch selbst ihre Miete und Verpflegung. Das Projekt hier läuft seit ca. 3 Jahren und zwar nur auf Spendenbasis, was ich sehr bewundernswert finde, denn im Monat werden zwischen 4000 und 9000 Euro für die Mieten, Strom, Wasser, Bücher für den Unterricht, Waschpulver etc. benötigt. Ich bitte euch, euch einmal die Homepage der Samos Volunteers anzuschauen. Erstens könnt ihr dann noch einmal einen offiziellen Eindruck der Organisation gewinnen und selbst zu überlegen ob und in welchem Ausmaß ihr vielleicht eine Geld- oder auch Sachspende abgeben könnt. Ihr könnt natürlich gerne auch selbst herkommen und mitarbeiten. Das geht sehr unkompliziert und ist eine wunderbare Erfahrung.

https://samosvolunteers.org/

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