UPDATE zur Seenotrettung im Mittelmeer

Die humanitäre Katastrophe im Mittelmeer spitzt sich weiter zu, auch wenn die auffällige Stille, die dieses Thema in der hiesigen Medienlandschaft umgibt, den Eindruck erwecken könnte, dass die sogenannte „Flüchtlingskrise“ für die Europäische Union „überstanden“ sei. Wir wollen diesem unmenschlichen Schweigen an dieser Stelle entgegentreten und mit einem kurzen Update zum Status der zivilen Seenotrettung im Mittelmeer über die derzeitige Situation vor Ort informieren:

Sea-Watch:

Bereits seit dem 2. Juli wird die Sea-Watch 3 in Malta festgehalten. Nachdem die niederländischen Schiffsbehörden keine weiteren Probleme festgestellt haben und dies auch an die maltesischen Behörden kommuniziert haben, sollte eigentlich jedes Hindernis für ein Auslaufen überwunden sein. Dennoch wird ohne Angabe von Gründen das Schiff weiter (und somit offenbar widerrechtlich) festgehalten. Wie lange dies andauern soll ist auch weiterhin unklar.

SOS MEDITERRANEE / MSF:

Die Aquarius, das Schiff dieser Organisation, durfte am 15.08. nach 5 Tagen Wartezeit endlich 141 Gerettete in Malta an Land bringen, diese werden an andere europäische Länder verteilt. Die könnte eigentlich ein positives Zeichen für einen zukünftigen gangbaren Weg in der humanitären Krise im Mittelmeer sein. Dennoch wird voraussichtlich auch dieses Schiff in nächster Zeit keine Leben mehr retten dürfen, da inzwischen Gibraltar angekündigt hat, diesem Schiff aus bürokratischer Spitzfindigkeit die Flagge zu entziehen. Auf dem Weg nach Marseille, wo der Status des Schiffes geklärt werden sollte, rettete die Aquarius vor der tunesischen Küste fünf Menschen aus Seenot. Derzeit befindet es sich im Stillstand auf See und wartet auf die Genehmigung seitens der spanischen und französischen Behörden, einen sicheren EU-Hafen anlaufen zu dürfen.

Mission Lifeline:

Das Schiff wird nach wie vor im Hafen von Malta festgehalten und der Kapitän steht wegen seines Engagements in der zivilen Seenotrettung und seiner Weigerung, gerettete Personen in die sie erwartende Gefangenschaft und Folter nach Libyen zu verbringen, vor Gericht.

Sea-eye:

Beide Schiffe werden derzeit aufgrund angeblicher Unstimmigkeiten in der Schiffsregistrierung festgehalten, somit sind sowohl die Sea-eye als auch die Seefuchs derzeit nicht einsatzfähig.

ProActiva Open Arms:

Beide Schiffe befinden sich derzeit im Hafen, über ihren weiteren Einsatz herrscht derzeit Unklarheit.

Zivile Handelsschiffe:

Nachdem ein Schiff der Maersk Reederei 3 Wochen lang mit Geretteten an Bord ausharren musste, weil der Crew die Einfahrt in einen sicheren Hafen der EU verweigert wurde, häufen sich inzwischen Berichte über Handelsschiffe, welche versuchen, ungeachtet des international geltenden Seerechts die Rettung von in Seenot geratenen Menschen zu vermeiden. Mit ihrem repressiven Ansatz nutzen die verantwortlichen Behörden offenbar den wirtschaftlichen beziehungsweise zeitlichen Druck, unter dem die Reedereien stehen, um selbige von der gebotenen und vorgeschriebenen Seenotrettung abzuschrecken.

Italienische Küstenwache:

Die Diciotti, ein Schiff der italienischen Küstenwache, musste tagelang mit 177 Geretteten an Bord vor Lampedusa ausharren, bevor die italienische Regierung nun einem Einlaufen in Sizilien zugestimmt hat. Dort dürfen die Geflüchteten allerdings das Schiff zunächst nicht verlassen. Dem Kapitän werden Vorwürfe hinsichtlich der Rettung der in Seenot geratenen gemacht, welche Konsequenzen sich daraus ergeben, ist zunächst unklar

Derzeit gibt es also keine privaten Rettungsschiffe mehr, welche auf der gefährlichen Mittelmeerroute Rettung für die zahlreichen in Seenot geratene Menschen leisten können. Dessen ungeachtet stechen weiter Menschen aus Verzweiflung und mit seeuntauglichen Boote in See und klammern sich an die vage Hoffnung, dass ein Kapitän sie vor dem Ertrinken rettet – trotz der drohenden Odyssee auf der Suche nach einem sicheren Hafen und der Gefahr, sich letztlich als angeklagter Retter vor Gericht verantworten zu müssen.

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